ECHOLOT 1: Ist das Theater eine Religion des Menschlichen?

Am 17. Mai hat unsere künstlerische Expedition begonnen. Allem voran gestellt die wüste Behauptung: wir machen Theater für alle, Musiktheater ohne Grenzen und setzen uns ein für die Vielfalt Europas, im Miteinander und Konsum! Ein Boot als Bühne, 3600 km Strecke und den Plan Europa von Westen nach Osten zu bereisen. Im stillen Geiste kreist der Gedanke: Wo soll das nur hinführen?

„Kultur ist weder Luxus noch Elfenbeinturm, sie bietet ein unschätzbares Potential an positiver Energie, die jeder nutzen kann.“ *)

Gleich die Premiere am 17. Mai 2018 wirft das erste Fragezeichen an der Durchsetzbarkeit unserer Vision auf, da wir unser Publikum auf Booten – zwar kostenfrei aber logistisch limitiert und somit nicht grenzenlos – vom Sammeltreffpunkt am Medaillonplatz zu unserem Insel-Amphitheater übersetzten. Zugang ohne Grenzen? Ausnahmsweise, es ist ja nur der Auftakt. Danach wird alles barrierefrei, Publikum am Ufer, wir auf dem Wasser – Theater für alle eben. Eine wunderschöne Insel aus bunten Booten und Flößen entstand auf dem Herzen der Rummelsburger Bucht. Oder doch die Blase in der Blase? Ein Schritt zurück: was war denn der Plan des Ganzen?

März 2016, wir halten inne und ziehen Resümee: 71 Jahre nach Ende des Dritten Reichs, 27 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, Europa – eine Erfolgsgeschichte? Der deutsche Staat guckt tatenlos zu wie die NSU mordet, rassistische und faschistische Parolen erobern die bürgerlichen Wohnzimmer und Stammkneipen zurück, Asylwohnheime werden angesteckt – doch ab dem 1000ten berichtet selbst die Tagesschau nur noch nach den Sportnachrichten davon und jetzt riegeln auch noch Slowenien, Kroatien, Serbien und Mazedonien die Grenzen zu: denn für alle reicht es nicht!? Der Autor Falk Richter schreibt in seinem Stück ‚FEAR’: „Ich bin Europa. Ich habe keine Identität. Ich bin Europa und niemand weiß, was das bedeutet. Ich bin Europa und ich habe keinen Halt, ich zerbreche, ich falle auseinander, ich spüre diesen RISS, dieses REISSEN, ich werde auseinanderGERISSEN von einer großen Unsicherheit von Konfusion, Ratlosigkeit, Panik, Hysterie, Hass.“

Was ist nur aus der regenbogenfarbenen Traumblase „Europa“ geworden, die unser Anker und Schutz in den letzten Jahren war? Wir, die zufälliger Weise mit dem goldenen Freifahrtschein, dem deutschen Pass geboren wurden, merkten dass die Blase um uns herum schon lange geplatzt war – ohne, dass wir es bemerkten. Ein Phänomen der Wohlstandsgesellschaft? Oder pure Naivität? Auch eine Form des Wegguckens, die wir den „Anderen“ vorwerfen? Weiter zugucken, Augen verschließen, Lippen verschließen? – Nein, diesem Europa auf den Grund gehen und mit den Mitteln und Möglichkeiten etwas tun, die uns zur Verfügung stehen, an deren Kraft wir glauben und Stellung beziehen.

„Heute kann man weder Künstler noch Vermittler von Kunst sein, ohne politisch gesellschaftlich Stellung zu beziehen.“ *)

Eine übergeordnete Frage hilft uns eine Konzeption zu finden, die mehrere Projektteile verbinden kann und uns gleichzeitig als künstlerische Forschung sowie künstlerischem Programm dienen kann. Wie wollen wir zukünftig miteinander leben?

So fing es an. Jetzt sind wir bereits 600km von Zuhause entfernt auf dem Rhein und schiffen unsere Sicht von Europa mit unserem zirkusesquen Musiktheater durch die Lande, lassen Künstler auf unserer schwimmenden Bühne auftreten, brutzeln in der Sonne und werden bei 7-8 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit maximal entschleunigt.

„Theater machen bedeutet, die Routine des Alltäglichen zu durchbrechen, die Akzeptanz wirtschaftlicher, politischer und militärischer Gewalt als Normalität in Frage zu stellen, die Gemeinschaft zu sensibilisieren für Fragen des menschlichen Daseins, die sich nicht durch Gesetze regeln lassen, und zu bekräftigen, dass die Welt besser sein kann, als sie ist.“ *)

Routine kommt nicht auf. Tag für Tag fahren wir unseren selbstgebauten Katamaran weiter, kommen zwischen 50km und 80km voran. Wenn wir kein Theater abends spielen, so halten uns Schleusen, tonnenschwere Frachtschiffe oder organisatorische Planungen, wie die Frage, wo wir Benzin für den Außenborder tanken können und die vielen Blicke und neugierigen Fragen der Passanten auf Trab.

Das Boot entschleunigt uns maximal. Wir schaffen es nach der ersten aufregenden Theater-Etappe die Aufführungen, Besucher, Kommentare, Problemstellungen zu reflektieren, diskutieren und auszuwerten.

 

TRANSITOPIA – VORSTELLUNGSBERICHT:

17.Mai, Rummelsburger Bucht, Berlin: Premiere bei starkem Wind, 17 Grad Celsius, kein Strom nur Generatoren, Zuschauer auf Booten. Vorstellungsbeginn nach 1,5h Verspätung. Knapp 400 Zuschauer harren geduldig aus: Reaktionen von frenetisch-enthusiastisch bis ablehnend, insbesondere von Fachbesuchern. Vor allem begeistern die Komposition und die Ausstattung. Oft genannter Kritikpunkt: der Text. Wir sind uns im Team einig, dass unser Inhalt goldrichtig für unser Vorhaben ist und sind vielmehr erstaunt, das bei unserer inhaltlichen Absicht dieser Punkt laut wird. Walt Disney kriegt man doch im Kino und intellektuelle Ergüsse überall von Schaubühne bis zum Deutschen Schauspielhaus! Theater für alle ist genau das dazwischen, was weder zu theoretisiert, noch zu phrasendreschend ist und trotzdem die Routine des Denkens zu durchbrechen vermag. Im Geiste archivieren wir den Moment: die vielen bunten Boote, das Ablegen unterlegt von KyongPauls Musik, den Sonnenuntergang… zwei Jahre Planung, das Stimmungsbild passt.

 

18.Mai, Schloss Plaue, Brandenburg: aufgrund einer unangekündigten Schleusensperrung kommt es zur ersten Landversion. Das Boot bleibt für 12h auf Umwegen verschwunden, die Crew ist mit der Eisenbahn zum Schloss Plaue gefahren und spielt an Land. Leichter Regen, 17 Grad – aber gute Laune, ein zauberhaftes Publikum von überschaubaren 50 Leuten, zwischen jung und alt. Zu Beginn spielt der Musiker Stammtisch des Schloss’ Plaue, dann zeigen wir das „Transitopia“ und danach spielt die Band „Chanceaux“. Für uns eine weitere Premiere, denn wir stellen alle einvernehmlich fest, dass die Landversion sich auch ausgezeichnet beweist und spinnen im Geiste schon Ideen für ein Fuß-Theaterstück. Interessant ist in Plaue, das die anfängliche Angst in Brandenburg „Transitopia“ aufzuführen völlig unbegründet war. Die Zuschauer genießen das Stück, gehen in Interaktion zu den Darstellern und im Anschluss wird trotz schlechtem Wetter noch mit den Darstellern das Tanzbein geschwungen, diskutiert, Fahrgemeinschaften zum Boot bilden sich. Danke, Plaue!

19. Mai, Niegripper See, Burg: endlich kommt die Sonne raus! Die Verspätung wird fast aufgeholt und um 19h30 steht die Vielharmonie Band aus Stendal auf der Esperantos und verzaubert im Sonnenuntergang die Niegripper Zuschauer (150 Besucher) am Badestrand. Hier geht alles so auf, wie wir es uns gewünscht haben! Zugegeben… ein kleines Manko bleibt: das Boot muss Ankern und unser Tontechniker Nils ist gezwungen den Ton aus einem Kajak auf offenem See zu steuern. Wer diesem Mann für diesen Moment keinen Preis verleihen würde – aber da sich Auszeichnungen in Deutschland derzeit abschaffen, belassen wir es dabei und freuen uns einfach über soviel Engagement! Ausklang und Einklang mit uns und den Widrigkeiten der letzten drei Tage finden wir im Kerzenschein am Strand mit Sebastian von MobilFUNKgeräte an der Klampfe. Hammer Typ!

20. Mai, Hafenfest, Calvörde: Sonne, Sonne, satt! Wir fahren gemeinsam mit unseren Gästen des Circus Knopf feat. Bonini in den Hafen ein und werden Empfangen mit Live-Musik und Applaus! Das war unglaublich! Erst ist der Circus aufgetreten, danach wurde „Transitopia“ gespielt und im Anschluss gab’ es noch ein Konzert von der Band „Nobody knows“. Etwa 300 Menschen haben sich eingefunden. Weil der Calvörder Bürger nicht so oft die Chance hat im Hafen bei so viel Kultur zu verweilen, kamen wir zu späterer Stunde noch am Lagerfeuer an einem Feuerwehrauto in den Genuss die Eindrücke unseres Theaterstückes sowie grundsätzlich der Umgang mit Fremden im gegenwärtigen gesellschaftlichen Leben, insbesondere auf dem Land, noch ausgiebig zu diskutieren. Unser Logbuch der künstlerischen Expedition füllt sich mehr und mehr… Gegenseitig verhelfen wir uns dazu neue Standpunkte kennenzulernen, uns mit den lokalen Besuchern auszutauschen und vorgefertigte Meinungen bei sich selbst und dem Gegenüber in Frage zu stellen.

21. Mai, Braunschweiger Hafen: Sonne, immer noch satt. Nach einer wunderbaren Überfahrt von Calvörde ist es unsere letzte Vorstellung, bevor wir uns in einem Monat, Ende Juni, in Süddeutschland für „Transitopia“ wiedersehen werden. Zeit für Melancholie ist nicht auf dem Programm, somit genießen wir die Sonne, machen Vorstellungskritik zum Vortag während der Überfahrt und genießen die Vorfreude auf den 5. Spieltag. Im Hafen eingetroffen kann es schöner nicht sein! Unsere Familien, Freunde und Kooperationspartner haben alles gegeben um mit uns gemeinsam einen wunderbaren Kulturabend im Braunschweiger Hafen zu erleben. Zwischen Metallbergen, Industriekränen und Frachtern gibt es Essen aus Kamerun und Indonesien, Kaltgetränke und eine wunderbare Zuschauertribüne im Gras. Ab 17h30 füllt sich der Hafen mit gut gelaunten Menschen, 250-300 werden es. Pünktlich und ohne Verzögerungen finden die Theatervorstellung, das Nachgespräch und der unvergessliche Auftritt der Band „Evelyn Kryger“ aus Hildesheim statt! Das war eine wirklich runde Nummer! Braunschweig, wir lieben dich!

 

Das war der erste Streich! Jetzt schauen wir, wie wir den Rhein überstehen und dann heißt es ab dem 12. Juni in Frankfurt „Bühne frei!“ für alle motivierten Künstler und wir reisen ‚gen Süden! Wir freuen uns auf euch!

– Teil 1 des Echolots, eine Reihe von inhaltlichen Tiefenmessungen zu unserer künstlerischen Expedition. – 

Text: Dorothea Lübbe

 

*) belg. Opernintendant Gerard Mortier (1948-2014)