Esperantos meets Frankfurt am Main

Mittwoch, 13. Juni, Main – Überfahrt nach Aschaffenburg.

Zu dem ganzen Projekt gehört inzwischen ein buntes Konglomerat aus mehr als 30 Individualisten aus Kunst, Leidenschaft zur Schifffahrt und Wissenschaft. Gleichzeitig sind wir auf dem Schiff am Stück meist nur das Kernteam bestehend aus einer 4er-Besetzung und wechselnden Gästen.

Da die Gegebenheiten sich tagtäglich wandeln, ist es notwendig, dass der Hauptteil der anfallenden Tätigkeiten von den Anwesenden an Bord bestritten werden muss: An- und Ablegen, durchschnittlich acht Stunden am Tag das Boot führen, Schleusen, Anfragen an Schifffahrtsämter, Abrechnungen, Reisen buchen, Künstler nachbesetzen, Bands für die Volksbühne finden, Presse kontaktieren, Öffentlichkeitsarbeit, Benzin (auf dem Skateboard) beschaffen, Aktionen auswerten, Wassermessdaten auslesen, Texte schreiben und für die Publikation vorbereiten, Teambesprechungen, Einkaufen gehen, und, und, und – und wenn Zeit ist auch noch die abendlichen Ankunftsorte auskundschaften, mit Leuten vor Ort das Gespräch suchen, Sport machen, die Ruhe ohne Motorengeräusch punktuell genießen.

Die vielen Sprüche vom Ufer „schöne Reise macht ihr da!“, etc. – locken uns hier und da ein ironisches Lächeln ab. Vier Wochen sind bisher rum. Ja, schön ist es aber ein Spaziergang bleibt eben ein Spaziergang und das hier ist eben kein Spaziergang. Soviel steht fest. Aber unsere Stimmung ist tiptop!

Wir setzen dem ganzen Programm sogar noch das Krönchen auf und beginnen nun zusätzlich uns noch an die Planungen des Projektteils der Volksbühne zu wagen. Wollen wir hoffen, dass uns auch die Umsetzung gelingt! Ziel ist es eine Mischung aus kultureller Vielfalt sichtbar werden und gleichzeitig eine ästhetische Form der Kundgebung stattfinden zu lassen, bei der unsere ‚Bootschaft’ im Zentrum steht.

Los geht es mit vier Konzerten in Folge: Frankfurt am Main, Aschaffenburg, Wörth am Main und Wertheim. Vier Orte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Von Mainhattan – Hometown der Banker – über prunkvolle Residenzschlösser, hin zu kleinen zarten Ortschaften im Herzen der Franken. Vielversprechend für eine Vielfalt an Künstlern, die an diesen Orten ansässig ist und die es für unsere Aktion zu gewinnen gilt. Herausfordernd in vielerlei Hinsicht – da man in Europas Rechtslabyrinth nicht einfach umsonst und draußen Versammlungen abhalten, geschweige denn Musik machen kann. Es bedarf einer feinteiligen Abstimmung. In einem Fall reicht die Stadtverwaltung, im andern Fall ist es das Ordnungsamt. Viele Telefonate….

 

DIE ESPERANTOS-VOLKSBÜHNE IN FRANKFURT AM MAIN:

Ja, und wo kommen die Künstler her!? Wer kriegt überhaupt mit, das wir unterwegs sind!? Inzwischen haben wir knapp 500 Abonnenten, die uns auf Facebook verfolgen. Die Welt ist das nicht. Davon sind zwei in Frankfurt ansässig. Doch wir haben Glück: dadurch dass wir seit zwei Jahren von dem Projekt sprechen, sind Freunde und Bekannte in Gedanken bei uns. In Frankfurt hilft uns Jim mit seinen Kontakten in die Hip Hop Szene. Gleichzeitig ist inzwischen unser ehemaliger Kostümbildner Martin ansässig in Gießen. Die Frankfurter Rundschau hört noch dazu zufällig das Radio unserer Komponistin Toni auf Eins Live und will ein Interview mit uns! Perfekte Verknüpfung wunderbarer menschlicher Möglichkeiten.

Deutscher Hip Hop + kritische Theatertexte + Stadt der Banken = ???

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Während wir noch auf die Genehmigung des Ordnungsamts warten, lernen wir Hans kennen, die Frankfurter Club Betreiber Legende. Er ermöglicht uns Einblick in das Leben am Ufer in Frankfurt, gibt uns die erste Ruderstunde und eine feste Duschfreundschaft entsteht. Schließlich erteilt uns das Ordnungsamt die Genehmigung, dass wir die für Frankfurt angesetzte Kundgebung am Mainkaiufer zwischen Eisernem Steg und Alter Brücke durchführen dürfen. Auf 19h30 angesetzt, ist der Ort eigentlich Hotspot für Jogger, Heimweg für Anzug tragende Männer und Sprintstrecke für Radpendler auf dem Weg nach Hause. Heute Abend tritt das Kollektiv Hip Hop Movement 069 auf und Martin Müller wird Texte von Falk Richter rezitieren. Geile Mischung! Doch erst mal ist es ein grauer Tag. Bereits beim Versuch Nikos aka. ‚Big N’ in Griesheim mit der Technik abzuholen, sind wir zweimal auf Grund gelaufen und einer musste ins Wasser um uns rauszuschieben (Danke, Marcel!).

Doch es wird. Der Soundcheck ist durch und allmählich schwindet unsere Skepsis, dass unsere erste Volksbühne ein Flop werden könnte. Die Boxen haben Wumms (die gesamte Stromversorgung läuft über die Solarpanele an Bord!), die Jungs und Mädels haben Laune, das Bier ist kalt (Danke, Hans!) und um das Boot herum hat sich schon eine Traube interessierter Menschen gebildet. Zur Eröffnung des Programms durch unsere Crew sind etwa 40 Leute am Ufer, im Laufe des Abends sollen es noch mehr werden.

Dann beginnt Martin. Er holt mit seiner ruhigen fokussierten Vortragsart die Anwesenden ab und lässt sie eintauchen in die politischen Beobachtungen von Falk Richter. Immer mehr Leute bleiben stehen. In manchen Gesichtern der Umstehenden ist Irritation. Gleichzeitig ist es mucksmäuschenstill. Respektvoll wird dem Sprechenden Gehör geschenkt. Zwischenrufe kommen durch das Klatschen durch: „wer schreibt sowas?“. Es geht auf.

Im Anschluss starten Nikos und Kyri vom Frankfurter Hip Hop Movement 069. Texte übers Fremdsein, Statussymbole, Armut, Drogen, Ausgrenzung, Freundschaft erklingen. Die Menge der Zuhörenden wird größer. Durchquerten anfangs noch Radfahrer die zuhörende Masse, sind die Zuhörenden auf dem Weg nun dicht gedrängt und hängen an den Lippen der Musiker. Bunt durchmischt findet sich unter den Zuschauern der Business Mensch im eng taillierten Anzug neben dem sportlichen Freizeitoutfit und bunten Sneakern, einige ältere Besucher, vorwiegend junge Mittzwanziger.

Pünktlich um 22h hören wir mit einem Abschlusswort der Esperantos-Crew auf, laden die Künstler nebst Freunden auf das Boot und genießen den nächtlichen Ausblick auf die Skyline Frankfurts vom Wasser aus. Der Leichtsinn bricht aus, halsbrecherische Mastklettereien werden mit Grapefruit-Bier bestraft und Verewigungen unter dem Eisernen Steg durchgeführt. Es hätte alles noch ewig so weiter gehen können, wäre der Main nicht von so vielen Untiefen gezeichnet und die Geduld der Passagiere mäßig dehnbar. Wir legen an Land an und verlagern die inhaltsschweren Gespräche an eine einschlägige Trinkhalle…

Frankfurt, du bist schon sehr besonders!

 

 

 

 

 

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